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Ich-Wir Balance: Veränderung leben und glücklich sein

Keynote auf dem utopival 2016. Von Sabrina Hosono.

Hallo erst einmal auch von mir, mit ein paar Menschen durfte ich ja schon sprechen. Ich finde es wundervoll, dass Ihr hier seid, dass wir hier sein dürfen, dass Ihr mir jetzt auch ein bisschen Eure Zeit schenken mögt um mir zuzuhören. Und ja – letztendlich ist es ein großer Zufall, dass ich hier stehe – irgendjemand von Euch hätte hier sicherlich genauso gut stehen können – und gleichzeitig ist es

natürlich auch wieder etwas, was sicherlich auch durch meine Entscheidungen oder das, was ich tue beeinflusst worden ist; und darum soll es heute auch ein bisschen gehen bei mir – oder das möchte ich mit Euch ein bisschen teilen: die Unterschiedlichkeit, und gleichzeitig die Gemeinsamkeiten, die wir teilen. Also dass wir als Individuen uns letztendlich immer voneinander unterscheiden […] Ich glaube, dass wir ganz ganz viele Schnittmengen haben, als Menschen, die wir hier sind, als Gruppe – und das wir aber genauso viele Dinge haben, die wir vielleicht anders machen oder wo wir teilweise irritiert sind, wie andere sich verhalten. Wo wir unterschiedlicher Meinung sind, oder uns anders verhalten würden, andere Entwicklungen gemacht haben, andere Erfahrungen gemacht haben – und dass das letztendlich eine Bereicherung ist – wie das Awareness-Team ja gestern auch erwähnt hat. Dass das eigentlich nichts bedeuten muss, was Disharmonie erzeugt, sondern dass, wenn wir damit offen umgehen, und das gemeinschaftlich und offen, dialogisch und auch akzeptierend miteinander kommunizieren, dass das auch etwas total Schönes sein kann. Und dass es auch darum geht, das eben auszuhalten – also dass Ambivalenzen uns immer wieder begegnen werden. Und, dass das Wichtige ist, diese nicht auszuklammern oder zu ignorieren, sondern sie anzunehmen. Und auch lernen, damit umzugehen.

Weil wir letztendlich als Menschen nun einmal soziale Wesen sind, brauchen wir Sabrina Hosono auf einer selbstgebauten Bühne während ihrer Keynoteimmer die Gemeinschaft. Das heißt das Individuum, ich, brauche immer irgendwo eine Gruppe – und die Gruppe braucht auch letztendlich Individuen, weil ansonsten: gibt es keine Gruppe, wenn wir keine einzelnen Menschen haben, die sich zusammen treffen – nur dann kann letztendlich eine Gruppe entstehen. Das Individuum mit seiner ganz individuellen Geschichte trägt dazu bei, dass die Gruppe als solche überhaupt zu dem wird, was sie ist.
Das haben wir vielleicht auch teilweise schon selber erlebt, dass wir das merken, dass wir in Gruppen plötzlich ganz neue Seiten an uns entdecken, dass wir inspirierende Kräfte plötzlich haben, dass wir mit neuen Perspektiven in Berührung kommen. Dass ganz andere Gedanken uns auf einmal kommen, und dass wir dazu fähig sind uns viel differenzierter zu reflektieren oder auch einfach Spiegel vorgehalten bekommen, die wir vorher noch nicht gesehen haben.
Gleichzeitig ist es aber auch genauso wichtig, manchmal in Einzelkontakte zu gehen und sich aus der Gruppe heraus zu ziehen. Vielleicht nur Zwiegespräche zu führen oder auch für sich selbst zu sein, weil man da dann auch wiederum die Möglichkeit hat, in Ruhe noch einmal auf sich drauf zu schauen, oder auch einen intensiveren Austausch erlebt. Oder manchmal braucht mensch auch gerade diese Intimität und Sicherheit. Vielleicht gerade in fremden Kontexten oder in Kontexten wo man sich noch nicht so sicher fühlt, wo mensch noch Unsicherheiten hat oder fremd ist, kann es auch total gut tun, einfach einen Menschen zu haben, zudem man einen näheren Bezug hat. Wo man weiß, okay da kann ich hingehen und da kann ich mich auch mal eben zurückziehen und Distanz zur Gruppe aufbauen. Auch wenn ich damit andere exkludiere, habe ich dann da meine kleine Gruppe, die für mich genauso wichtig ist.
Ich glaube eben, dass genau das wichtig ist: dass es wichtig ist, eine Balance zu halten zwischen Individualität- zwischen Eigensinn auch, und Selbstständigkeit und einem Selbstbewusstsein- und eben Gemeinschaft, Kollektivgefühl und Gemeinsinn – die etwas größeren Begriffe, wo es darum geht, wo stehen wir als Ganzes. Sowohl im Rahmen, also sowohl wie jetzt hier – ich als Individuum und die Gruppe – als auch im großen globalen Rahmen, wenn wir uns als Einzelpersonen – als Vertreter*innen vielleicht von einer bestimmten Nationalität oder einer bestimmten Bevölkerungs-„Schicht“, wenn wir sie so nennen wollen- sehen, und dann im globalen Kontext [hier meinte ich vermutliche globale Weltgesellschaft]. Dass das beides auch immer gleichzeitig da sein darf, dass es nicht darum geht, wir müssen nur lokal sein oder wir können nur global sein, sondern dass beides gleichzeitig nebeneinander total seine Berechtigung hat und auch voneinander profitiert.

Gleichzeitig [zu der Überzeugung, dass das wichtig ist] habe ich in der Vergangenheit die Erfahrung bei mir selber gemacht, und auch bei anderen machen dürfen oder müssen – das kommt auf die Perspektive an -, dass gerade in politisch aktiven Gruppen oder engagierten Gruppen ich selbst das Gefühl hatte, wenn ich mich da jetzt rausziehe, oder wenn ich mir Zeit für mich nehme – irgendwie ist das ein Ding von Schwäche, irgendwie fühle ich mich dabei nicht gut, irgendwie fühlt sich Rückzug da so als Niederlage an. Als egoistisch vielleicht auch, als rücksichtslos, dass Fragen kommen wie: „Lasse ich die anderen nicht eigentlich im Stich, wenn ich mich jetzt nur um mich selber kümmere?“ „Werde ich meiner gesellschaftlichen Verantwortung eigentlich überhaupt gerecht, wenn ich mich jetzt nur auf mich selbst und meine individuelle Persönlichkeitsentwicklung konzentriere?“ „Wo stehe ich denn da?“ „Darf ich das eigentlich?“ „ Wie viel Selbstreflektion darf ich mir gönnen?“ „Wie viel darf ich überhaupt auch genießen?“ „Wie viel Genusszeit darf ich mir nehmen?“ Wie viel darf ich denn einfach mal nur ich sein und vielleicht einen Kuchen essen und irgendwo Kaffee trinken, obwohl gerade eine Demo ist, wo ich auch sein könnte? Oder obwohl sich gerade Menschen treffen, aber ich total bin und mir gerade denke: „Jetzt noch eine Stunde schlafen wäre eigentlich viel besser und viel schöner“.

Ich finde, dass Akte von Selbstachtsamkeit und Selbstpflege, also Prozesse, wo wir uns tatsächlich aktiv um uns selbst kümmern keine Akte der Genusssucht sind. Da geht es gerade dem Menschen nicht darum, der völligen Hedonie zu pflegen und einfach nur auf alles zu scheißen – was auch okay ist, teilweise – sondern, es sind eben Prozesse der Selbsterhaltung und auch der Selbst-Pflege. Und damit sind sie meiner Meinung nach total grundsätzlich wichtig für politischen Widerstand, als auch eben ein Teil davon. Das heißt wenn ich mich um mich selber kümmere, heißt das nicht, dass ich gerade inaktiv bin. Das heißt eigentlich, dass ich mir gerade den Grundstein baue um wieder aktiv sein zu können und um mich überhaupt aktiv halten zu können.
Denn letztendlich, wenn ich politisch aktiv bin oder wenn ich mich selber weiterbilde, wenn ich auch einen inneren Wandel vollziehe, brauche ich dafür immer eine stabile Grundlage. Wenn ich Grenzen überschreiten möchte, seien die mental, seien die psychisch, seien sie auch physisch, tatsächlich, dann brauche ich dafür Stabilität in einem gewissen Maße. Ich brauche dafür ein Selbst-Vertrauen, ich brauche dafür aber auch die Gewissheit, dass ich Probleme thematisieren darf. Dass ich sie kommunizieren darf, dass ich sie annehmen – also dass sie angenommen werden und dass sie auch angesprochen werden dürfen und können, in der Gruppe. Weil wenn ich die Sicherheit nicht habe, dann – wahrscheinlich –werde ich mich entweder komplett aus der Gruppe zurückziehen oder ich werde weitermachen, aber eigentlich nicht mehr voll dabei sein. Und wollen wir das eigentlich? Wollen wir, dass Menschen etwas weitermachen, weil sie sich gezwungen fühlen, dass sie es weitermachen müssen? Oder wollen wir nicht eigentlich Menschen, die total voll dabei sind und sich eben zwischendurch rausziehen, aber wo wir wissen, die sind immer noch bei uns, die sind nicht weg?
Ich glaube dass – es ist immer schwierig, wenn man sich mit etwas wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, zu sagen „ich weiß“ – aber von dem, was ich gelesen habe, gehe ich davon aus, dass um ganzheitliche solidarische Perspektiven entwickeln zu können, wir genau das auch brauchen. Wir brauchen eine sichere Grundlage. Das bekannteste dahingehend ist wahrscheinlich Maslows Bedürfnishierarchie – zu sagen, gewisse Grundbedürfnisse müssen gedeckt sein bis – und sich daran orientierend hat sich zum Beispiel Barrett auch ein Modell überlegt/ausgedacht, entwickelt, das sich 7-Ebenen-Modell des Bewusstseins nennt. Wo er eben auch sagt: Okay, bis ein Mensch dazu fähig ist, in die Transformation einzusteigen, müssen gewisse emotionale und auch soziale Grundbedürfnisse, oder auch so Sachen wie Kleidung, Essen, erfüllt sein, damit dann überhaupt in eine Transformation eingestiegen werden kann. Und selbst dann gibt es noch einmal – bei ihm ist Transformation quasi Phase 4 – danach verschiedene Stufen von politischem Engagement, bis ich tatsächlich die Möglichkeit habe, oder die Ressourcen habe, völlig ganzheitlich zu denken. Und das nicht mehr aus einem reinen „Ich muss gerade eigentlich mich selber finden“- Prozess zu machen. Diese Phasen sind aber natürlich dynamisch – das heißt es ist nicht so, dass wenn ich gerade auf Phase 5 bin, ich für immer auf Phase 5 bin, weil ich das Level erreicht habe und mich zurücklehnen kann und sagen kann „Hey, Phase 5 ist cool und jetzt kann es nur noch nach oben gehen“. Sondern, Ressourcen, wie wir alle wissen, sind natürlich nicht überzeitlich – das heißt Ressourcen können auch teilweise wegfallen. Unser Leben verläuft einfach nicht völlig gerade und immer weiter nach oben, sondern wir haben auch Stolpersteine. Wir haben Umwege, die wir gehen müssen. Das heißt, das macht es natürlich für Menschen, die schon ein gewisses Bewusstsein entwickelt haben, teilweise sogar noch schwieriger. Wenn ich mich mit gewissen Dingen noch gar nicht auseinandergesetzt habe, fällt mir diese Verantwortung, die ich los lassen muss, für eine Zeit, gar nicht so auf, weil ich darüber bisher noch nicht nachgedacht habe. Und dann mache es halt weiter nicht. Aber wenn ich eigentlich schon einmal an einem Punkt war, und dann merke „Oh, mir fehlt da gerade etwas“, dann wieder zu sagen „okay, ich lasse es jetzt, damit ich wieder weitermachen kann“ ist manchmal vielleicht sogar noch schwieriger. Weil ich wüsste, was ich machen sollte, oder glaube, machen zu sollen oder zu müssen, aber gleichzeitig weiß, dass ich es gerade nicht kann. Und das dann auszuhalten und zugeben zu können, ich kann gerade nicht, ich muss gerade erst einmal etwas Anderes machen, um weitermachen zu können, ist vielleicht sogar noch schwieriger als davon gar nichts zu wissen. Das heißt, selbst wenn wir sagen, wir sind schon weiter als andere, kann das manchmal auch gerade die Krux sein.
Nachhaltiger ist es sicherlich, sich in so Momenten auch Zeit zu nehmen für Heilung – wenn wir es Heilung nennen wollen – oder Zeit zu nehmen für „Mal kurz zur Ruhe kommen“, für Luft schnappen, sich ausruhen. Auch um weiterhin authentisch bleiben zu können: weil nur wenn ich hinter etwas stehe und wirklich voll daran glaube, dann kann ich es auch weiterkommunizieren. Dann wirke ich auch ganz anders und kongruenter. Wenn ich hingegen selber merke ich bin völlig leer und eigentlich macht mich das gerade total fertig, mich stresst es total – dann anderen zu verkaufen, wie toll das ist, dass wir das auch auf jeden Fall alle machen sollten, ist sicherlich auch etwas schwieriger. Mit Augenringen und trockenen Haaren und so.
Was nicht heißt, dass ich mich völlig isolieren muss. Sich aus einer Gruppe zurückziehen heißt nicht, „Ich bin jetzt völlig raus und ruft mich bitte nie wieder an, ich melde mich dann schon“, sondern es kann für unterschiedliche Menschen auch etwas Unterschiedliches bedeuten. Oft braucht es doch auch gerade beides. Es braucht diesen Kontakt zu Personen, gerade emotionalen Kontakt, und gleichzeitig die Möglichkeit, sich zurückzuziehen und Distanz zu wahren. Dafür braucht es natürlich einmal das Vertrauen von mir als Individuum in die Gruppe: Dass ich sage, diese Gruppe ist so stabil und ich weiß, dass darin Menschen sind, die mich verstehen. Dass ich das machen kann, dass ich mich das traue, weil ich auch weiß: „die nimmt mich wieder auf, wenn ich zurückkommen möchte“. Und es braucht das Vertrauen der Gruppe in das Individuum: Dass sie sagen „der ist jetzt nicht einfach weg“ oder „die ist jetzt nicht einfach weg,“ oder „die macht jetzt einfach so ihr Ding und kommt dann irgendwann wieder, und dann ist sie irgendwann wieder weg“ und „so richtig verlassen können wir uns darauf nicht“, sondern das Vertrauen der Gruppe zu sagen: „Wenn der Mensch gerade sagt, er braucht Zeit für sich, dann braucht er Zeit für sich – und dann sollten wir das auch so vollkommen akzeptieren“. Und dann ist das nicht, weil er oder sie jetzt gerade keine Lust auf uns hat, oder keine Lust auf das Thema hat, oder irgendetwas anderes gerade cooler ist, sondern einfach weil es gerade notwendig ist. „Wir nehmen die immer wieder auf, wenn sie wieder Lust hat, zu uns zurückzukommen“.
Ich glaube, das ist natürlich auch immer etwas, was schwierig ist: Menschen nicht ganz auszuschließen, sie aber gleichzeitig nicht damit zu überfordern, indem man sie über alles auf dem Laufenden hält, weil man das Gefühl hat, sonst verliert sie den Anschluss. Und dann immer wieder auch Rückmeldungen erwartet.
Dafür braucht es in Gruppen, und auch vom Individuum eine total offene Kommunikation. Eine Kommunikation, in der Bedürfnisse und Erwartungen ganz transparent gemacht werden. Das gesagt wird: „Hey, es ist vollkommen in Ordnung, dass Du Dich zurückziehst, sag uns aber einfach, wie viel möchtest Du mitbekommen. Wie viel möchtest Du wissen? Wie oft dürfen wir Dich kontaktieren oder was ist da okay? Wir würden gerne das und das machen, ist das in Ordnung?“ Und das akzeptierend anzunehmen und nicht Gefahr zu laufen, was teilweise auch passiert, in einen Zynismus zu verfallen. Zynismus wirkt erst einmal oft total „vernünftig“. Zynische Menschen sind immer die, die auf sehr intellektuell tun, aber eigentlich ist Zynismus nur subjektiv entlastend. Ich nehme Enttäuschung einfach nur vorweg. Indem ich generell schon ein schwarzes Bild male, gehe ich schon davon aus, dass sowieso alles kacke wird. Und dann bin ich nicht mehr so enttäuscht, wenn es am Ende wirklich blöd gelaufen ist [14:57] Weil – war ja sowieso klar. Was sollte schon anders kommen. Ich habe es Euch ja von vorne herein gesagt. Und gleichzeitig ist aber dieses vermeintlich realistische Bild das der Zyniker* malt oder die Zynikerin* eigentlich genau das Gegenteil von Vernunft. Weil – genau gesagt wird, das eben Vernunft nichts daran ändert, wie etwas ausgeht. Es negiert jegliche Macht, die Vernunft hätte oder die Überlegungen, Entscheidungen haben, weil es einfach nur davon ausgeht zu sagen: Bringt eh alles gar nichts. Und das heißt eigentlich, dass was wir brauchen eben nicht Zynismus ist, der sich einfach so raus zieht und sagt „Pff, bringt nichts“ sondern den Mut, sich Herausforderungen stellen zu wollen. Die Kraft zu haben, zu sagen „Ich weiß, dass das nicht alles perfekt ist und ich weiß auch, dass das was ich mache gerade vielleicht auch nicht perfekt ist, und dass ich sicherlich hier und da Schwächen habe und meine Perspektive eine begrenzte ist“. Und trotzdem den Mut zu haben zu sagen „Ich muss doch irgendwo hin gehen. Ich will irgendwo hin gehen. Und ich mache das jetzt. Und wenn es am Ende nicht hundertprozentig richtig war, dann ist das okay, und dann mache ich halt weiter, dann mache ich das nächste “. Und dafür braucht es natürlich auch – um diese Entscheidung treffen zu können – ,das haben Wissenschaftler aus Pennsylvania „scout mindset“ genannt. Sie unterscheiden zwischen dem „soldier mindset“, was sehr auf Triebe und direkte Entscheidungen „ich muss kämpfen und nun nehme ich andere so und so wahr“ gerichtet ist, und dessen Wahrnehmung aufgrund dessen total eingeschränkt ist, quasi sobald ich etwas feindliches sehe, gehe ich auch davon aus, dass es feindlich ist, und schieße. Der Abwägungszeitraum ist sehr kurz. Und die Scouts, das sind die, die erst einmal in den Bäumen sitzen und die Situation abwägen, schauen, wie sieht es jetzt eigentlich gerade aus. Das sind die, die – in der Theorie – die Menschen sind, die sich erst einmal einen Überblick verschaffen, die erst einmal sagen „okay, egal welche Argumente ich habe, ob die jetzt zu meinem passen, oder zu dem, was ich eigentlich voran treiben möchte, oder nicht, ich schaue es mir erst einmal an, und versuche irgendwie ein Realitätsabbild zu finden. Versuche irgendwie zu gucken, was wäre denn eigentlich die rationale, klügste Entscheidung – was macht denn eigentlich Sinn?“ So Entscheidungen zu treffen und so auch Dinge wahrzunehmen, wie sie jetzt eigentlich sind. Was dafür wichtig ist, ist sicher Selbstbewusstsein, das heißt, bewusst zu sein: in welcher Position bin ich gerade eigentlich? Was ist eigentlich der Gedanke, den ich nach vorne treiben möchte und warum? Und auch: Welche Position hat mein Gegenüber oder mein vermeintlicher Gegner oder die andere Seite und warum? Und stimmt davon vielleicht manches auch einfach? Oder eben auch nicht? Gleichzeitig brauchen Scouts dieses Bewusstsein zu sagen, „ich bin für das, was ich bin, gut, und nicht für das, was ich tue“. Zumindest ich hatte damit lange Zeit Probleme, weil ich mich immer sehr darüber definiert habe, was ich tue. Wenn ich das und das mache, dann bin ich irgendwie für etwas da, und dann hat es einen Sinn, dass ich hier bin. Dann bringt es irgendetwas und ich trage meinen Teil bei, und so weiter. Stattdessen einfach eine Akzeptanz zu entwickeln, egal welchen Menschen gegenüber und vor allem aber auch sich selbst gegenüber, weil das oft das schwierigste ist. Zu sagen „hey, es ist gut, dass ich da bin, einfach weil ich da bin.“ Das irgendwie hinzukriegen und zu wissen, ich habe eine Daseinsberechtigung und die ist okay so, und die ist nicht daran gebunden, was ich jetzt genau konkret mache. Weil wir dann erst überhaupt in die Lage versetzt werden, Fehler und Irrtümer einzugestehen, da wir eben sagen können: „hey okay. Da lag ich falsch. Da habe ich einfach mal einen Fehler gemacht“ oder „Da ist vielleicht irgendwo eine Schwachstelle bei mir“ oder „Da müsste ich vielleicht noch einmal genauer nachgucken, ob das überhaupt so richtig ist“. Aber weil eben meine Identität nicht so sehr daran gebunden ist, ob ich jetzt immer richtig liege oder nicht, ob meine Meinung jetzt immer die ist, die die richtige ist, wenn es das überhaupt gibt, oder nicht, kann ich das viel eher zulassen, und sagen „okay, da ist eine andere Perspektive und irgendwie macht das Sinn. Vielleicht ist das gerade auch viel logischer. Vielleicht war ich bisher einfach von dem was ich wusste eingeschränkter und konnte das noch nicht so sehen“ oder eben auch nicht. Denn das heißt nun nicht, dass ich immer sagen muss „Alles was neu ist, ist cool und sowieso besser als meins“ aber einfach die Offenheit zuzugeben, auch wenn etwas nicht meiner Meinung entspricht, kann ich das erst einmal zulassen und annehmen, und überlegen, ob es vielleicht nicht doch Sinn macht. Dann entfalten sich ganz andere Potentiale. Entstehen auch innerhalb einer Gruppe, wenn ich das kann, und nicht so sehr auf meinen Standpunkt beharre, auch diese Perspektive einnehme, ganz andere Möglichkeiten von Fantasie, von Vernetzung, von Hoffnung auch.

Was ich brauche, sind dann aber natürlich auch immer verschiedene Zeiten, also Zeiten von Aktivität, Zeiten von Reflektion, auch Zeiten von Einsicht, um immer wieder neu für mich definieren zu können, wo ich denn eigentlich stehe, und wo ich eigentlich hin will. Letztendlich bringt es nichts, wenn ich mich die ganze Zeit damit aufhalte, zu wissen, wie ich von einem Punkt zum anderen komme – ich weiß jetzt vielleicht, auf diese Weise würde ich von Punkt A zu Punkt T kommen – ich bin mir aber gar nicht so sicher, ob ich zu Punkt Z überhaupt kommen will; was bringt mir das dann, das zu wissen? Oder: ich weiß, ich bin vielleicht gerade auf dem Weg zu Punkt Z und wollte da immer hin, merke aber auf dem Zwischenweg „argh, so ganz, passt mir das doch nicht mehr“. Dafür muss ich ja Zeit haben, das überhaupt zu merken, das festzustellen, mir das auch eingestehen zu können, weil Entwicklungen gehen nicht linear. Sowohl individuelle Entwicklung, das heißt bei mir selbst, ist nicht linear, sondern vollzieht sich immer in Schleifen und kleinen Umwegen, und in „ich gehe mal ein paar Schritte zurück, und gehe weiter vor, oder seitlich“, als auch insgesamt – also menschliche Entwicklung – vollzieht sich auch nicht linear. Das ist das, wo auch viel politische Arbeit immer wieder rein geht und mensch sich wundert, „warum geht es denn nicht voran?“ „Dieselbe Diskussion hatten wir vor 10 Jahren doch schon einmal und immer noch genau das gleiche. Was soll das denn?“. Einfach, weil Entwicklung eben nicht linear ist. Weil wir immer wieder, teilweise auch Sachen, ihre Zeit brauchen, teilweise auf unterschiedliche Art und Weise gelöst werden müssen. Es gab einmal jemanden, der gesagt hat, sozialer Wandel ist eben kein Sprint, sondern ein Marathon. Ich würde eigentlich eher sagen – weil ein Marathon hat ja auch immer ein Ende, der ist irgendwann vorbei – ich finde eigentlich das Bild von einem Staffellauf, der einfach immer weiter geht, etwas schöner, weil wir eben immer wieder weiter machen. Auch wenn ich vielleicht gerade, auch in meiner Lebenszeit, zu Ende bin, heißt das doch nicht, dass die Entwicklung, die ich mit angestoßen habe oder wo ich mich drin bewegt habe, zu Ende ist, sondern es kann immer wieder weiter gehen, von Generation zu Generationen vollzieht sich etwas. Was nicht heißt, dass immer die nächste Generation die größere Aufgabe hat, sondern dass eben zwischen den Generationen ein Transfer stattfinden sollte. Das was ich total spannend fände – was hier auch teilweise geschieht, auch wenn wir schon einen eher jungen Altersdurchschnitt haben – dass Generationen zusammenkommen und Wissen geteilt wird, dass ganz anders mit Wissen umgegangen werden kann und dass wir merken, dass wir auch von Fehlern von Anderen ganz viel lernen können. Dass wir aus Erfahrungsschätzen von Anderen ganz viel ziehen können, und daraus etwas Anderes entsteht. Und dass wir dabei vielleicht aber auch nie zu einem Ende kommen. Dass wir uns davon verabschieden „irgendwann sind wir fertig, dann können wir uns ausruhen und alles ist gut und die Welt ist wunderbar“, weil wir wahrscheinlich immer wieder neue Herausforderungen haben werden, und immer wieder irgendetwas anderes ist. Das wird wahrscheinlich so sein. Aber wir werden uns – auch wenn wir nie fertig sind –vielleicht mit immer komplexeren und immer tieferen Themen auseinandersetzen können, werden vielleicht immer wieder neue Aspekte kennen lernen und ganz andere Fähigkeiten entwickeln. Dem mit einer Neugier zu begegnen, und nicht mit einer totalen „Puh, ich bin nie fertig?! Und ich soll immer weiter machen?! Und eigentlich kommt immer wieder etwas Neues?!“, dem nicht mit so einer Ohnmacht zu begegnen, sondern mit einem „wow! Mal gucken, was für eine neue Herausforderung diesmal auf mich wartet! Was wir noch alles entdecken werden, was noch alles entdeckt werden kann, was wir noch gar nicht wissen“. Das fände ich irgendwie schöner. Ich weiß nicht, ob euch das auch so geht. Das ist genau die Ambivalenz, die auch da ist; Differenzen aushalten zu können. Zu sagen: „Hey, ich und Du, wir sind nicht einer Meinung. Das muss aber gar nichts schlechtes sein“. Da müssen sich keine zwei Fronten bilden und wir müssen uns jetzt irgendwie darüber austauschen, wer nun Recht hat und wer bessere Argumente hat – sondern zu sagen: „Okay, du kannst für mich vielleicht auch eine relativierende Kraft sein.“ Weil auch alles was wir an Bewegung haben, braucht vielleicht zwischendurch auch einmal eine Bremse. Oder zwischendurch mal einen Spiegel, der vorgehalten wird, der sagt „Hm, bist du dir sicher, dass das alles so ist?“. Weil wir sonst – Oder weil genau das, wenn wir in Konfrontation mit Dingen geraten, die anders sind als das, was wir uns bisher gedacht haben, die Momente sind, wo wir wirklich noch einmal darüber nachdenken, oder noch einmal in den Prozess kommen von „Warum stehe ich da eigentlich hinter?“ oder „Warum genau mache ich eigentlich das, was ich mache?“ – da kommen wir wieder in den Moment, wo wir Dinge begründen. Und das ist total wichtig, auch für uns. Um noch einmal für uns selber klar zu haben: was mache ich hier eigentlich. Aber auch um noch einmal Dinge zu hinterfragen, die wir bisher vielleicht einfach selbstverständlich von Anderen übernommen haben: „weil – meine beste Freundin sagt das, deren bester Freund auch, und das sind coole Menschen, und das wird schon so stimmen“. Passiert ja schon einmal. Möchte ich nun keine_m unterstellen, aber ich denke es passiert durchaus, dass mensch von Menschen, die mensch mag die Meinungen schneller annimmt und vielleicht auch nicht ganz so kritisch hinterfragt, wie mensch es bei anderen vielleicht tun würde. Das heißt, wenn wir das als Chance nehmen- wenn wir mit Meinungen konfrontiert werden, die uns nicht passen – uns selbst zu überprüfen, uns selbst zu prüfen „Wie stark stehe ich denn eigentlich dahinter und warum eigentlich?“ und das einfach diskursiv und offen behandeln, da ein informativer und tatsächlich dialogischer Austausch geschieht, der nicht darauf aus ist, den Anderen per se unbedingt von den eigenen Meinungen überzeugen zu wollen, sondern viel mehr davon geprägt ist zu fragen „Hey, mich würde interessieren warum Du das so siehst? Wieso eigentlich? Und wie kommt das? Was stellst Du Dir denn genau darunter vor?“. Dann genau würden wir nämlich nicht mehr das erleben, was ich aktuell sehe: dass sich Fronten bilden, dass sich auch ein Rückzug bildet, ein gewisser nationalistischer. Wo wir sehen, dass Menschen überfordert sind, mit dem was gerade ist. Weil auch einfach alles direkt moralisch bewertet wird, ohne dass das Warum gehört wird. Dass wir nicht auf emotionale Barrieren stoßen, sondern erst einmal in den Austausch kommen: „was ist denn jetzt gerade eigentlich bei Dir los?“. Denn, das was wir jetzt gerade sehen, dieses etwas-kleiner-werden-wollen, dieses „Ich will gar nicht mehr über das große Ganze nachdenken, sondern ich will kleiner, und Kommunen und lokal“ – der Nationalismus der aufkommt und Lokalpatriotismus, ist doch irgendwo auch ein Schrei „Ich möchte Kontrolle zurück gewinnen“. „Ich will irgendwie wieder einen Überblick haben“. „Was ist hier eigentlich los? Das alles ist mir viel viel zu viel“. Eigentlich ist es nun aber einmal faktisch so, dass wir nun einmal eine ökologische Einheit sind. Dass ökologisch gesehen, es überhaupt nichts ändert, ob Großbritannien jetzt aus der EU austritt, sondern dass trotzdem die Entscheidungen, die dort gefällt werden, immer noch globale Auswirkungen haben. Dass es jetzt nicht so ist, als wenn ich jetzt sage „Okay, ich bin raus. Ich möchte mich über gewisse Themen, mit Klimawandel nicht mehr auseinandersetzen“ – da stößt mein Auto trotzdem weiter CO² aus. Es ändert letztendlich nichts daran. Was nur passiert ist, dass ich mir über den Einfluss nicht mehr bewusst bin, bzw. dass ich ihn ignoriere. Faktisch ist er aber trotzdem noch da. Das so zu kommunizieren- zu sagen: „Hey, auch wenn gerade das Bedürfnis dahinter steht, Kontrolle zurück zu gewinnen – eigentlich gibst Du dadurch Kontrolle auf. Eigentlich stößt Du nur Verantwortung ab, und dadurch, dass Du eben kein Wissen mehr darüber hast, dass du kein Bewusstsein mehr darüber hast, lässt Du eigentlich Kontrolle los. Willst Du das denn eigentlich? Wäre es nicht schöner, sich Dinge bewusst zu machen? Imperfektion auch anzunehmen – Herausforderungen anzunehmen? Menschen darin anzunehmen, dass sie gerade nicht alles perfekt machen können oder wollen“. Das zuzulassen, und daran weiter zu arbeiten, weil wir eben nun einmal nicht perfekt sind, weil wir voller Ambivalenzen sind, sowohl in Gruppen als auch persönlich. Danke schön.